PALAIS WILD

GESCHICHTE

Als wir im Jahr 1992 das damalige Warenhaus Leopold Breineßl gekauft hatten und dann, um einen Überblick zu gewinnen, die gesamte Anlage von Georg Falkner, einem befreundeten Architekten, vermessen ließen, erschloss sich das unterschiedliche Alter der Gebäudeteile.


Ursprünglich stand da ein bescheidener Waldviertler Drei-Seit-Hof. Die ältesten Teile stammen wahrscheinlich aus der Barockzeit (erkenntlich an den Sandsteingewänden zweier Fenster und so mancher sehr niederen, aber breiten Tür). Johann Hauer baute dann 1890 im Vorgarten und auf der Südseite an. Auf diesen Neubau und das letzte Zimmer des ursprünglichen Bauernhauses setzte er ein repräsentatives Stockhaus mit Geschäftsräumlichkeiten für das Warenhaus. Dieses ist durchaus städtisch gestaltet: Die Fassade ist mit diverser Stukkatur und jeweils einem Kopf auf den Schlusssteinen über der Eingangstür und den Fenstern versehen. Die Köpfe waren in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie ein Massenprodukt. Von der Dorfbevölkerung werden sie als „Engerl“ bezeichnet, von andrer Seite wurde aber auch vermutet, sie stellten Merkur dar, den römischen Gott der Kaufleute (und der Diebe!). Alle Räume im neuen Haus sind wie bei Wiener Gründerzeithäusern 3,30m hoch. Alle Wände und Decken waren mit Schablonenmalerei ausgestaltet, wovon noch einiges im Original erhalten, bzw. freigelegt ist. Die Türen sind mit Lasuren „maseriert“, was damals in „besseren“ Häusern Mode war.

Johann Hauer vererbte das Warenhaus seinem Neffen Karl Breineßl, der es wohl trotz der Weltkriege und Wirtschaftskrisen zu einiger wirtschaftlicher Blüte brachte. Dies schließe ich aus den vielen Fundstücken seiner Tätigkeit. In seinem Warenhaus konnte man „alles“ kaufen: von Lebensmitteln bis landwirtschaftlichen Gerätschaften, von Petroleum bis Tinte, von Türbeschlägen bis Hufeisen, von Medikamenten bis Zigaretten, von der Kuhkette bis zur Bettwäsche, von Särgen bis zum Hochzeitsschleier etc. Kurz: Durch Karl Breineßls kaufmännische Tätigkeit war Blumau an der Wild ziemlich autark, da bei ihm nicht nur die Landwirte, sondern auch die im Dorf ansässigen Handwerker wie Schuster, Schmied, Tischler, Wagenbauer, Müller, Sägewerksbesitzer und diverse Heimarbeiterinnen, tätig für die umliegende Textilwirtschaft, einkauften. Sogar einen Postkartenverlag für Ansichtskarten von Blumau an der Wild hatte Karl Breineßl.


1957 vererbte er das Haus seinem Neffen Leopold Breineßl, der es in diesem Sinne, mit zeitbedingten Abstrichen, bis 1992 weiterführte.


Als wir in diesem Jahr das Haus kauften, war es sehr heruntergekommen und sah dementsprechend ruinös aus. Es gab innen weder Wasser, geschweige denn WC noch Bad. Auch aufsteigende Feuchtigkeit hatte ihre Arbeit getan ... Viel Grundsätzliches musste zuerst gemacht werden, um darin wohnen zu können. Im völlig verwilderten Garten fand jahrelang „Sichten und Ordnen“ statt, oft also Roden. Inzwischen bröselte die Fassade weiter vor sich hin. 2011 wurde sie dann komplett erneuert.


Bei allen Bautätigkeiten war immer mein Bestreben, möglichst viel zu erhalten, bzw. freizulegen. Durchaus nicht im strengen Sinn des Denkmalschutzes, verwendete ich möglichst alte, gebrauchte Bauteile wie Steine, Fliesen, Kacheln, Beschläge, Türen, Öfen und Einrichtungsgegenstände. Manches habe ich aus Containern in Wien „gerettet“, manches wurde mir von Verwandten, Freunden und den Dorfbewohnern geschenkt oder verkauft.


Meinem Mann Abdel-Halim Hassan danke ich, dass er mir weidlich freie Hand ließ, und meinen Töchtern Isis und Dalia danke ich für ihre Geduld, denn sie haben jahrelang Wochenenden und Ferien auf einer Baustelle zugebracht, und nicht zuletzt meiner Mutter Christine Eisenmeier, die mir großzügig Geld aus ihrem Erbe schenkte. Ohne die vielen Betriebe und Handwerker, die geduldig meine eigenwilligen Ideen verwirklichten, wäre der heutige Zustand nicht möglich gewesen. Stellvertretend möchte ich nennen: die Baufirma Reißmüller und ihre Mitarbeiter, Waidhofen/Thaya; meinen langjährigen Baufreund Ernst Phillipitsch und seine Mitarbeiter, Wien, den Tischlermeister Adolf Bigl, Weinern und Rudolf Willinger, meinen Nachbarn in Blumau.

Lange war Haus und Garten für uns als Familie ausschließlich Zweitwohnsitz und beständiges Arbeitsfeld. Besonders an letzterem ändert sich nichts. Im Gegenteil. Nachdem die Fassade in neuem Glanz erstrahlte, erklärte ich das ehemalige Warenhaus zum Kunstwerk. Folgerichtig hat es seit 2014 auch einen neuen Namen: PALAIS WILD

Dies wurde mit dem Event:

WA(H)RE NATUR IM PALAIS WILD
VERPACKT BESCHRIFTET BEWORBEN

anläßlich des Viertelfestivals Niederösterreich, 2014, im Waldviertel, gefeiert.

Luitgard Eisenmeier



Fotocredits: Luitgard Eisenmeier, Christine Eisenmeier